Es ist nicht einfach jemandem zu erklären, warum man einen Sport betreibt, der viel Zeit, Engagement, Willenskraft, persönliche Opfer und einen nicht unbedeutenden monetären Aufwand abverlangt. Und objektiv gesehen, muss man dafür auch etwas crazy sein. Doch hier liegt in gewissem Maße der spezielle Reiz des Sports im Allgemeinen: Viele "Verrückte" treffen in ihren verschiedenen Sportarten aufeinander und entwickeln eine individuelle Dynamik, spezielle Strukturen, eigene Systeme, Regeln und mehr oder weniger sinnvolle Eigenschaften und Rituale. Als eine ganz besondere Spezies gelten in diesem Zusammenhang Triathleten.

Ein Gesamtkunstwerk - der Triathlet

Als ob es nicht schon "different" genug wäre sich in schwarze Ganzgummianzüge, hautenge Triathloneinteiler und kompressive Kniestrümpfe zu zwängen, ernährt sich der Triathlet zumeist von zähflüssigen Zuckerkonzentraten aus Astronauten- oder Bundeswehrnotfallpackungen und springt auf jede Innovation der Trainings-, Sporttextil- und Ernährungswissenschaften an, die nur im Ansatz eine positive Wirkung verspricht. Darüber hinaus ist der Triathlet ein Ästhet erster Rangordnung: Von der hydrodynamischen Schwimmbrille bis zum schwebenden Laufschuh muss alles passen. Als Aushängeschild gilt das High-End Carbonrad in aerodynamischer Triathlongeometrie, ausgestattet mit jedem erdenklichen Accessoire für den perfekten Look. Abgerundet wird das Gesamtpaket Triathlet durch einen windkanalgeprüften, tropfenförmigen Helm und die rasurglatten, trainingslagergebräunten Extremitäten.

Kaum zu glauben, dass es Menschen gibt, die sich freiwillig diesen Zwängen aussetzen. Und dabei sprechen wir hier zunächst nur von den Rahmenbedingungen und nicht vom Triathlonsport an sich. Was sind dies für Menschen? Wie kommt man dazu einmal einen IRONMAN zu absolvieren? Ein Zitat, das sich mit diesem Fundamentalphänomen verbinden lässt: "motivation is what gets you started, habbit is what keeps you going"... wie wahr!

Wie alles begann ... Viel Sport - und noch mehr Kalorien


Seit meiner Kindheit spielt Sport in meinem Leben eine zentrale Rolle. Neben ersten Körpererfahrungen im Turnen stand der Fussball für mich von Beginn an im Fokus. Seit meinem vierten Lebensjahr jage ich nun schon beim TSV 08 Kassel dem Ball hinterher. Aber "nur" Fussball ging und geht einfach nicht. In Schule, Freizeit und teilweise anderen Sportvereinen habe ich viele Sportarten gefunden, die mir noch heute alle viel Spaß bereiten und mich motorisch sehr vielfältig ausgebildet haben. Leichtathletik, Inline-Hockey und Tennis sind nur eine kleine Auswahl aus meiner "sportlichen Grundausbildung". Leider hatte bzw. habe ich neben dem Sport noch eine andere Leidenschaft - gutes Essen :-). Und auch wenn man sich als Kind jede freie Minute bewegt, kann man sich nicht alle Kaloriensünden und vorallem nicht in Massen ohne Auswirkungen erlauben  ...

 


So litt mit zunehmenden Kilos auch schließlich meine Leistungsfähigkeit sehr stark und mein sportliches Engagement beschränkte sich auf ein Mindestmaß. Zum Glück erlebte ich dann einen Wachstumsschub und sah ein, dass ich mich von Kalorienbomben distanzieren muss, um wieder mehr Spaß an der Bewegung zu bekommen. Mit der Zeit kamen auch persönliche Erfolgserlebnisse wieder zürück und bessere Leistungen motivierten zum weiteren Bewegen. Durch diesen "positiven Teufelskreis" ging es stetig aufwärts.

 

Ein Meilenstein - Interesse an sportlicher Weiterentwicklung


Ein wichtiger Punkt in meiner Hobby-Sportlerlaufbahn war sicherlich das Aufeinandertreffen mit Thomas Schneider, damaliger A-Juniorentrainer beim TSV Kassel. Welche Konsequenz dies letztendlich haben sollte, war damals jedoch nicht im Geringensten zu erahnen. Zunächst hatte ich die Möglichkeit gelegentlich in seiner A-Jugend-Mannschaft zu trainieren, bevor er im Jahr darauf unseren Jahrgang für die letzten meiner drei Juniorenspielzeiten übernahm. Unter seiner Führung wurde mir erstmals deutlich, wie akribisch man für seine Ziele im Sport "arbeiten" kann. Und diese "Arbeit" und Auffassung von Sport machte mir und unserem Team extrem viel Spaß. Motiviert unsere Leistungsfähigkeit zu verbessern, gelang es uns drei erfolgreiche Jahre bis ins Jahr 2007 zu spielen. Diese Periode war mit Sicherheit die erfahrungsreichste und schönste Fussballzeit meiner bisherigen Laufbahn.

 

IRONMAN - Da muss man doch schwimmen: No way!

Ein neues Kapitel öffnete sich für mich ebenso unerwartet wie blitzartig: Thomas erzählte mir von seinem Ziel, den IRONMAN in Frankfurt 2007 zu absolvieren. IRONMAN? "Was war das nochmal genau? Triathlon - weiß ich. Aber wie lange war das?" ... das wollte ich natürlich sehen. Die Distanzen waren für mich unvorstellbar. 180! Kilometer auf dem Rad - niemals war mein erster Gedanke. Marathon war für mich bis dato genauso interessant wie Schach spielen. Und alleine die Tatsache, dass man Schwimmen muss - ein Alptraum. Ob nun 3,8 Kilometer oder nur 500 Meter. Das war mir egal, denn wenn ich eine Sportart hasse und nie machen würde, dann Schwimmen. Ich weiß: 90% der Triathleten behaupten das von sich. Aber ich denke nur die wenigsten hatten in ihrer Kindheit eine größere Phobie vor Wasser als ich. Nicht umsonst habe ich erst recht spät "schwimmen", nein eher "über Wasser halten" gelernt und auch an das Schulschwimmen mag ich mich nur mit Magenschmerzen zurück erinnern. In meinem ansonsten besten Fach war die "Note 5" ohne Ausnahme vorprogrammiert und der Schwimm-Lehrer mein Erzfeind Nr.1. Es ist schwer zu beschreiben wieso ich nicht schwimmen konnte. Seit meinem ersten Schwimmkurs(und ich habe drei!!! gebraucht) im Kindesalter hatte ich einfach Angst. Angst vor was? Keine Ahnung. Ich war einfach blockiert wenn ich ins Wasser steigen sollte.
Unter all diesen Voraussetzungen bin ich voller Bewunderung für die Athleten, die sich dieser für mich unmenschlichen Prüfung, stellen zum IRONMAN nach Frankfurt gefahren. Ich wollte einfach einmal sehen, wie solch ein Event abläuft.

IRONMAN 2007 - Virus im Anflug

Am Wettkampftag 2007 war ich jedenfalls vor Ort. Langener Waldsee. 7 Uhr in der Früh bei angenehmen Temperaturen. Eine Menschenmasse bewegt sich Richtung Schwimmstart. Die Athmosphäre ist gigantisch. Über 2000 Athleten warten auf den Startschuss. Die Nationalhymne begleitet die letzten Minuten vor dem Start. Als sportaffiner Mensch lässt mich das natürlich nicht kalt. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. In dem Moment macht sich in meinem Kopf ein absurder Gedanke breit: "Hier will ich irgendwann mal mitmachen!" Startschuss, das Wasser kocht - einfach ein tolles Bild. Superstimmung als die Athleten das Wasser Richtung Radstrecke verlassen. Auf der Laufstrecke als Helfer der Verpflegungsstation von engelbert strauss zeigt sich mir dann wie schwer die meisten arbeiten und leiden müssen, um die Ziellinie in diesem Wettkampf zu sehen. Tolle Bilder. Die Stimmung und Anfeuerungen an der Strecke sind schon beeindruckend. Das Highlight war allerdings der Zieleinlauf am Römer. Roter Teppich, Tausende tobende Zuschauer und eine Stimmung, die sich die Athleten verdient haben. Und da war er wieder, dieser absurde Gedanke: "Hier will ich irgendwann mal mitmachen!"

IRONMAN 2008 - Virus schlägt auf den Magen


Ein Jahr später - wieder IRONMAN in Frankfurt. Doch diesmal fahre ich schon mit anderen Vorzeichen und Gedanken nach Langen an den See. Ein Startplatz für 2009 könnte mir gehören. Ich will das wieder sehen. Wieder Schwimmstart. Wieder Gänsehaut, aber diesmal macht sich neben dem bekannten Gedanken auch ein mulmiges Gefühl im Magen breit: "Hier willst du mitmachen! ... wirklich ?"
Da ich beim letzten Mal die Radfahrer nur am Mainkai in Frankfurt sehen konnte, will ich dieses mal einen Teil der Radstrecke sehen. In Hochstadt - The Hell genannt - warten wir auf die Spitze. Es läuft "All Summer long" von Kid Rock. Die Führenden kommen um die Ecke und schießen die Kopfsteinpflasterpassage hinauf. Geniale Bilder, geile Stimmung und wieder Gänsehaut. In dem Moment steht für mich fest: "Hier mache ich mit - und zwar nächstes Jahr!"
Die darauf folgende Woche war grausam. Ich hatte genau eine Woche Zeit mir zu überlegen, ob ich den Startplatz annehme oder nicht. "Willst du das? Schaffst du das?" Ich kann weder kraulen, noch habe ich jemals richtig Rad, geschweige denn Rennrad gefahren, noch bin ich im Besitz von Laufschuhen. Die Entscheidung war also klar: "Ich starte!"

Infiziert ... Von Null auf Hundert in 350 Tagen

Und aufeinmal ging alles ganz schnell. Viel Laufen, Radfahren, Schwimmen und Krafttraining. Erster Marathon noch im Oktober nach drei Monaten Lauftraining, Radtrainingslager, mein erster Triathlon und schon war er da. Der IRONMAN.

2009: Ich bin tatsächlich dabei. Ich bin ruhig: die Wochen davor, die Tage davor, die Stunden davor, die Minuten davor. Ich stehe an der Startlinie - erste Reihe! Klar - die guten Schwimmer eben vorne :-))) Letzte Ansage: "Noch eine Minute bis zum Start." Meine Gedanken waren: "Was mache ich hier vorne? Was mache ich hier überhaupt? Solls nun wirklich los gehn?" Eine letzte laute Ansage in eigener Sache: "Du hast gut trainiert, zeig was du kannst" PENG. Startschuss - 200m Hektik, dann bin ich wieder ruhig ... konzentriert ... fokussiert. Ich sauge alle Eindrücke und Emotionen auf, die ich bekommen kann. Dann kommt Hochstadt. Ich biege auf die Kopfsteinpflasterpassage ein. Wie der Zufall es will - "All summer long" läuft. Erinnerungen werden wach. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper und mir schießt blitzartig ein Gedanke durch den Kopf. "Hier schließt sich der Kreis! Es hat sich gelohnt" .

So oder so ähnlich kommt man zum Triathlon und zur Faszination IRONMAN. Die meisten schaffen den Absprung allerdings nicht mehr. Mir geht es nicht anders ...